Das Sinnesmaterial steht im Mittelpunkt der Montessori-Methode: eine Reihe von Materialien, die dem Kind ermöglichen, die Welt mit seinen Sinnen zu erkunden, seine Wahrnehmungen zu verfeinern und in seinem eigenen Tempo ein eigenständiges Denken aufzubauen.
Eine entwicklungsfördernde Umgebung
Der Mensch trägt die Anlagen, die er zu seiner Entfaltung braucht, bereits in sich – vorausgesetzt, er wächst in einer geeigneten Umgebung auf. Für das Kind von drei bis sechs Jahren geht es darum, einen Rahmen zu bieten, der den sensiblen Phasen entspricht, die es durchlebt. In dieser entscheidenden Phase der sinnlichen Verfeinerung soll das Montessori-Material, sorgfältig gefertigt und präzise abgestuft, die Fähigkeit des Kindes zum Einschätzen und Unterscheiden fördern. Durch seine besonderen Formen weckt es die Aufmerksamkeit und führt das Kind zu einer bewussten Erkundung der Welt.
Entwicklung durch die Sinne
Die Montessori-Pädagogik nutzt das Sinnesmaterial, um die gesamtheitliche Entwicklung des Kindes zu begleiten – sowohl auf körperlicher Ebene als auch bei der Verfeinerung seiner Wahrnehmungen. So ermöglichen etwa die Gewichtsbretter dem Kind, seine Umgebung mit größerer Genauigkeit einzuschätzen, und geben ihm damit die Schlüssel, sie sich besser anzueignen.
Dieses Material wird in der Regel ab drei Jahren angeboten, doch es ist wesentlich, das Tempo jedes Kindes zu respektieren: Es bringt nichts, es einem Kind zu präsentieren, das sich noch nicht auf eine Tätigkeit konzentrieren kann.
Ein kluger Zugang zur Wirklichkeit
Durch das Hantieren mit dem Sinnesmaterial entwickelt das Kind eine genauere und präzisere Wahrnehmung der Welt. Jedes Material wirkt wie ein Schlüssel, der eine Tür zum Verständnis öffnet. Nehmen wir die Zylinderblöcke: Es geht nicht einfach darum, die Zylinder „hinein" oder „heraus" zu setzen, sondern darum, jeden Zylinder seiner Vertiefung zuzuordnen und die Paare sorgfältig zu unterscheiden.
Für Maria Montessori stellt das Sinnesmaterial eine der Entwicklung des Kindes angemessene Antwort dar, die ihm eigenständige Mittel an die Hand gibt, seine Umgebung zu erfassen. Das Sinnesmaterial wirkt wie ein Alphabet: Es ermöglicht dem Kind, seine Umgebung mit wachsender Genauigkeit zu lesen, und verleiht ihm die Fähigkeit:
- seine Wahrnehmungen zu ordnen
- sinnliche Informationen zu katalogisieren
- Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erkennen
- seine Beobachtungen zu vergleichen
- sein Denken eigenständig zu strukturieren
Die Grundlage des Sinnesmaterials
Der Aufbau des Sinnesmaterials beruht auf dem Suchen nach Ähnlichkeiten und Unterschieden. Dieser Weg führt das Kind dazu:
Ein konkretes Beispiel mit den Zylinderblöcken
Erster Schritt: Das Kind unterscheidet, um Paare zu bilden.
Zweiter Schritt: Es präzisiert, indem es eine Abstufung herstellt.
Sprachlektion: Der Wahrnehmung wird ein Name zugeordnet – nicht einem Gegenstand, sondern einem Begriff. Es wird verallgemeinert.
Bei den roten Stangen sagt man zum Beispiel nicht „das ist die lange Stange, das ist die kleine Stange", sondern „das ist kurz, das ist lang". Den Begriff zu benennen ermöglicht die Übertragung: Das Kind verinnerlicht eine Beziehung, die es in anderen Zusammenhängen anwenden kann.
Die 5 Merkmale des Montessori-Materials
Es isoliert eine Eigenschaft
Jedes Material konzentriert sich auf ein einziges Merkmal. Der Rosa Turm zum Beispiel ist vollständig rosa: eine einzige Farbe, die die Aufmerksamkeit auf die Dimension lenkt. Das Isolieren der Eigenschaft erleichtert den Zugang zum Begriff und führt das Kind an das Sortieren und Analysieren heran.
Es zeigt den Fehler an
Das Material zeigt den Fehler selbst an. Beim Rosa Turm ist die Kontrolle visuell: Das Kind sieht von selbst, ob die Reihenfolge nicht stimmt. Diese Fehlerkontrolle ist eine Form der Selbsterziehung, die das Denken und die Selbstständigkeit fördert.
Es ist ästhetisch
Das Material soll anziehen, den Wunsch zum Hantieren wecken und durch seine Schönheit und Harmonie Interesse hervorrufen.
Es führt zur Tätigkeit
Jedes Material bietet dem Kind die Möglichkeit zur Selbsttätigkeit, dargeboten zum richtigen Zeitpunkt entsprechend seiner Entwicklung.
Es ist in der Menge begrenzt
Das Material wird in einem einzigen Exemplar angeboten. Pädagogisch ersticken zu viele Gegenstände die Tätigkeit und die Konzentration. Sozial lernt das Kind dadurch, seine Wünsche aufzuschieben, die Arbeit des anderen zu achten und seine eigenen Entscheidungen zu vertreten.
Vom Selbstvertrauen zum eigenständigen Denken
Während die Übungen des praktischen Lebens das Selbstvertrauen stärken sollen, führt das Sinnesmaterial das Kind zum eigenständigen Denken. Es lässt das Kind Begriffe konkret erfahren: klein / groß, leicht / schwer, glatt / rau…
Wie Line Lawrence in ihrem Vortrag „Haben oder Sein" betonte, ist es wesentlich, das Material nicht belehrend einzusetzen, was uns dem „Haben" näherbringen und vom „Sein" entfernen würde.
„Die Schule soll der Ort des Seins sein, der Menschwerdung, an dem die innere Freiheit jedes Kindes begründet wird." Nach Maria Montessori